Inspiriert von der südamerikanischen Pflanze „Boquila Trifoliolata“, die ihr Erscheinungsbild an ihre Umgebung anpassen kann, entwickelt dieses Projekt eine alternative Vision von Textilherstellung. Textilien werden nicht als anonyme Massenware verstanden, sondern als wachsender, adaptiver und kontextbezogener Prozess, der stärker an Menschen, Umwelt und natürliche Kreisläufe gebunden ist.
Die textile Pflanze, abstammend von der Boquila Trifoliolata, wurde ursprünglich mit einem klaren Ziel entwickelt: Sie sollte eine ökologische Alternative zur industriellen Textilherstellung darstellen. Forschungen konzentrierten sich darauf, ihre Eigenschaft der Anpassung in ein kontrollierbares System zu übertragen. Die Vision war eine lebende Produktionsform, die ohne chemische Prozesse, ohne Ausbeutung menschlicher Arbeit, ohne Verschmutzung und ohne globale Lieferketten auskommt.
In der Anfangsphase wurde versucht, die Pflanze industriell zu nutzen. Sie wurde vervielfältigt, standardisiert und in abgeschotteten Produktionsräumen kultiviert. Durch optimale Lichtverhältnisse, optimale Nährstoffzufuhr und ständiger Überwachung sollte ein stabiles Wachstum ermöglicht werden. Doch trotz aller technischen Maßnahmen blieb das Ergebnis unzuverlässig. Die Pflanze bildete keine konsistenten textilen Strukturen aus. Stoffe wuchsen ungleichmäig, veränderten sich unkontrolliert oder entstanden gar nicht.
Statt sie weiter zu kontrollieren, wurde das Konzept grundlegen neu gedacht. Im ehemaligen Augsburger Textilviertel entstand ein öffentlicher Besucherpark. An einem Ort, der einst von Maschinen, Lärm und strenger Arbeitsteilung geprägt war, wächst die textile Pflanze heute frei zugänglich. Sie ist kein Besitz, kein Rohstoff und keine Ware. Sie existiert als lebendiges Gegenüber. Besucher können mit ihr interagieren, sie berühren, begleiten und über längere Zeiträume eine Beziehung zu ihr aufbauen.
Aus dieser Beziehung heraus beginnt die Pflanze, textile Strukturen auszubilden. Stoffe wachsen individuell angepasst auf jede Person, und sind nicht reproduzierbar. Jedes Textil ist einzigartig und trägt Spuren der Interaktion, aus der es entstanden ist. Es findet kein standardisiertes Geschäftsmodell statt, da die Kleidungen nicht gekauft werden, sondern durch Zeit, Aufmerksamkeit und Nähe entstehen. Damit entzieht sich das System bewusst der Logik von Angebot und Nachfrage. Der Wert der Kleidung liegt nicht im Markt, sondern im Prozess der Entstehung.
Das Projekt bricht bewusst mit den bekannten Mustern industrieller Textilfabriken und eröffnet einen Denkraum für nachhaltigere, fairere und menschlichere Produktionsformen. Dieses Projekt versteht sich dabei nicht als konkrete Lösung, sondern als utopischer Impuls, der bestehende Standards hinterfragt und neue Perspektiven auf Textil, Material und Verantwortung sichtbar macht.